Schadet Ammoniak in Haarfarbe? Ammoniakfreie Varianten im Check
Ammoniak in Haarfarbe – schädlich? Wirkmechanismus, reale Risiken und ob ammoniakfreie Farben mit Ethanolamin wirklich schonender für die Haare sind.
Warum ist Ammoniak in Haarfarbe enthalten?
Ammoniak (INCI: Ammonia, in Produkten häufig als wässrige Lösung – Ammonium Hydroxide) erfüllt in dauerhaften oxidativen Haarfarben zwei zentrale technologische Funktionen:
- Alkalisierung des pH-Werts – Ammoniak hebt den pH-Wert der Färbemischung auf etwa 9–11 an. Dieser hohe pH-Wert öffnet die Schuppen der Haarkutikula und ermöglicht so, dass die Farbstoffmoleküle in die Haarrinde (Cortex) eindringen.
- Aktivierung von Wasserstoffperoxid – in Verbindung mit dem Oxidationsmittel (H₂O₂) treibt Ammoniak die Oxidationsreaktion an, die die natürlichen Pigmente (Melanine) zerstört und die synthetischen Farbstoffe im Inneren des Haarschafts polymerisiert.
Ohne Alkalisierungsmittel wäre eine dauerhafte Färbung unmöglich oder deutlich weniger wirksam. Ammoniak wird von vielen Herstellern wegen seiner Flüchtigkeit bevorzugt – er verdunstet nach dem Färben aus der Formel und hinterlässt einen pH-Wert, der näher am natürlichen liegt.
Schadet Ammoniak in Haarfarbe der Gesundheit?
Diese Frage erfordert eine Unterscheidung mehrerer Risikoarten:
Reizwirkung auf Haut und Schleimhäute
Ammoniak ist ein starkes Reizmittel. Beim Färben kann er Folgendes verursachen:
- Brennen oder Juckreiz der Kopfhaut,
- Reizung von Augen und Nase (charakteristischer stechender Geruch),
- Reizung der Atemwege – besonders in schlecht belüfteten Räumen.
Deshalb sollte das Färben in einem gut gelüfteten Raum erfolgen. Personen mit Asthma bronchiale oder überempfindlichen Atemwegen sollten besondere Vorsicht walten lassen oder Alternativen in Betracht ziehen.
Schädigung der Haarstruktur
Der durch Ammoniak verursachte hohe pH-Wert öffnet die Haarkutikula und kann zu Folgendem führen:
- Verlust von Feuchtigkeit und Proteinen (Keratinen) aus der Haarrinde,
- Schwächung der Haarstruktur bei häufigem Färben,
- Trockenheit, Brüchigkeit und schwerer Kämmbarkeit.
Diese Effekte sind umso stärker, je höher die Ammoniakkonzentration und je länger die Einwirkzeit ist. Eine geeignete Pflege nach dem Färben (Spülungen, Proteinmasken) kann sie teilweise ausgleichen. Es lohnt sich, nach Produkten für gefärbtes Haar zu suchen, die die Regeneration der Struktur unterstützen – sieh dir die Kategorien unter Haarspülungen an.
Systemische toxische Wirkung bei typischer kosmetischer Exposition
Die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 erlaubt den Einsatz von Ammoniak in Kosmetika. Ammoniak ist als kosmetischer Inhaltsstoff in der CosIng-Datenbank mit festgelegten Anwendungsbedingungen aufgeführt. Der SCCS (Wissenschaftliche Ausschuss „Verbrauchersicherheit“ der EU) bestätigt in seinen Sicherheitsbewertungen von Haarfärbeprodukten, dass eine typische kosmetische Exposition (Kontakt mit der Kopfhaut über 30–60 Minuten, einige Male pro Jahr) kein nennenswertes systemisches Risiko für gesunde Erwachsene darstellt.
Ausnahmen bilden Personen mit besonders empfindlicher Kopfhaut, Schwangere (Vorsicht wegen der Flüchtigkeit der Ammoniakdämpfe, auch wenn Studien bei normaler Anwendung kein nennenswertes Risiko bestätigen) und Personen mit Atemwegserkrankungen.
Ammoniakfreie Haarfarben – worin besteht der Unterschied?
Als ammoniakfrei (ammonia-free) bezeichnete Farben verwenden anstelle von Ammoniak andere Alkalisierungsmittel mit geringerer Flüchtigkeit und weniger reizendem Geruch:
- Ethanolamin (Ethanolamine, MEA) – der beliebteste Ersatzstoff. Es hebt den pH-Wert ähnlich wie Ammoniak an, ist jedoch nicht flüchtig, wodurch der stechende Geruch entfällt. Allerdings verbleibt es länger in der Formel und kann dadurch länger auf die Haarkutikula einwirken.
- Monoisopropanolamin (MIPA) – mit ähnlichen Eigenschaften wie MEA.
- Carbonate (z. B. Ammonium Bicarbonate) – mildere Alkalisierungsmittel, die in schonenden Formeln eingesetzt werden.
- Arginine (L-Arginin) – eine alkalische Aminosäure, die in fortschrittlichen Premium-Formeln als milde Alternative verwendet wird.
Sind ammoniakfreie Haarfarben tatsächlich schonender?
Hier ist bei der Interpretation Vorsicht geboten:
- Das Fehlen von Ammoniak bedeutet nicht das Fehlen eines alkalischen pH-Werts – auch ammoniakfreie Farben heben den pH-Wert des Haares an, oft jedoch weniger stark als klassische Formeln mit Ammoniak.
- Ethanolamin (MEA) – der häufigste Ammoniakersatz – ist selbst umstritten. Studien deuten darauf hin, dass es für die Proteinstruktur des Haares schädlicher sein kann als Ammoniak, da es in die Haarrinde eindringt und schwerer verdunstet. Das Allergiepotenzial von MEA ist nicht null.
- Geruch – das Fehlen des stechenden Ammoniakgeruchs ist ein realer Vorteil für den Anwendungskomfort und für Personen, die empfindlich auf Dämpfe reagieren, aber kein automatischer Beleg für eine bessere Sicherheit für Haut oder Haar.
- Farbhaltbarkeit – ammoniakfreie Farben können eine etwas weniger haltbare Farbe ergeben, besonders beim Aufhellen.
Bei der Wahl einer Haarfarbe lohnt es sich, die INCI-Zusammensetzung zu prüfen – alle wichtigen Inhaltsstoffe findest du in der PurScore-Inhaltsstoff-Enzyklopädie. Wenn du Produkte in der Kategorien Haarfarben vergleichst, kannst du sehen, welches Alkalisierungsmittel der Hersteller verwendet hat.
Wie lässt sich das Risiko beim Haarefärben minimieren?
- Belüftung – färbe in einem gut gelüfteten Raum oder bei geöffnetem Fenster.
- Allergietest – führe vor dem ersten Färben mit einem Produkt sowie bei einem Markenwechsel stets einen Patch-Test 48 Stunden vorher durch.
- Hautschutz – verwende die dem Set beiliegenden Handschuhe und schütze die Haut entlang des Haaransatzes mit Creme oder Vaseline.
- Häufigkeit begrenzen – Färben alle 6–8 Wochen statt alle 3–4 Wochen verringert die Gesamtexposition gegenüber alkalischen und oxidierenden Bestandteilen erheblich.
- Pflege nach dem Färben – verwende Spülungen und Masken, die die Kutikula schließen und die Haarproteine wieder aufbauen.
Fazit
Ammoniak in Haarfarben ist ein regulatorisch zugelassener Bestandteil und stellt bei normaler Anwendung kein nennenswertes systemisches Gesundheitsrisiko dar. Seine Hauptnachteile sind der stechende, die Atemwege reizende Geruch und die mögliche Schädigung der Haarstruktur bei häufigem Färben. Ammoniakfreie Farben beseitigen den unangenehmen Geruch, sind aber nicht automatisch schonender – sie verwenden andere Alkalisierungsmittel (vor allem Ethanolamin), die eigene Eigenschaften mitbringen. Die beste Strategie ist eine bewusste Wahl auf Basis der vollständigen INCI-Zusammensetzung, eine geeignete Pflege und eine Minimierung der Färbehäufigkeit.
Der Artikel hat informativen Charakter und stellt keine medizinische Beratung dar. Bei einer Allergie gegen Bestandteile von Haarfarben oder Problemen mit der Kopfhaut konsultiere vor dem Färben einen Dermatologen.
FAQ
Nein, Ammoniak (Ammonia / Ammonium Hydroxide) ist gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 ein in der EU für Kosmetika zugelassener Inhaltsstoff. Die CosIng-Datenbank führt ihn mit festgelegten Anwendungsbedingungen auf. In Polen legal verkaufte ammoniakhaltige Haarfarben erfüllen die europäischen Sicherheitsanforderungen.
Ammoniakfreie Farben verwenden anstelle von Ammoniak andere Alkalisierungsmittel, meist Ethanolamin (MEA). Das Ergebnis ist das Fehlen des charakteristischen stechenden Geruchs. Das bedeutet jedoch weder das Fehlen eines hohen pH-Werts noch die vollständige Beseitigung des Risikos – Ethanolamin hat ein eigenes Wirkprofil auf Haar und Haut.
Es gibt keine eindeutige Antwort. Ammoniak ist flüchtig und verdunstet nach dem Färben, was für das Haar günstig sein kann. Ethanolamin (MEA) in ammoniakfreien Farben verbleibt länger in der Formel und kann laut einigen Studien intensiver in die Haarrinde eindringen. Die Farbhaltbarkeit beider Farbtypen ist in der Regel vergleichbar.
Es gibt keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege für ein nennenswertes systemisches Risiko bei normalem Haarefärben während der Schwangerschaft. Aufgrund der Ammoniakdämpfe und fehlender vollständiger Daten raten die meisten Gynäkologen jedoch zur Vorsicht – besonders im ersten Trimester. Am besten konsultierst du den behandelnden Arzt.
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