Duftstoffe in Kinderkosmetik — warum „fragrance-free“ nicht dasselbe ist wie „unparfümiert“
Warum sollte Kinderkosmetik frei von Duftstoffen sein? Der Unterschied zwischen fragrance-free und unscented, Anhang-III-Allergene und EU-Verordnung 1223/2009.
Das Regal mit Kosmetik für Kinder und Babys duftet nach Lavendel, Kamille und „zartem Puder“. Hersteller wissen, dass Duft das Vertrauen der Eltern aufbaut — er wird mit Sauberkeit, Natürlichkeit und Sanftheit assoziiert. Das Problem ist, dass aus Sicht der pädiatrischen Dermatologie jeder Duftstoff in einem Kinderkosmetikum ein unnötiges Risiko darstellt. Wir erklären, warum — und wie man Etiketten liest, um die Haut des Kindes wirklich zu schützen.
Warum ist die Haut eines Kindes empfindlicher gegenüber Duftstoffen?
Die Haut von Neugeborenen und Säuglingen unterscheidet sich in mehreren entscheidenden Punkten von der eines Erwachsenen, die sich direkt auf die Sicherheit von Kosmetika auswirken:
- Dicke der Epidermis — beim Neugeborenen ist sie 20–30 % dünner als beim Erwachsenen. Die Hornschicht (Stratum corneum) ist dünner und enthält weniger Korneozyten-Schichten (10–15 vs. 15–25 beim Erwachsenen).
- Hautbarriere — unreif. Die Produktion von Ceramiden, Cholesterin und freien Fettsäuren (die den „Mörtel“ zwischen den Korneozyten bilden) erreicht ihre Reife erst zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr.
- Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpermasse — beim Säugling ist es 2,5- bis 3-mal höher als beim Erwachsenen. Das bedeutet eine proportional größere Aufnahme von auf die Haut aufgetragenen Substanzen.
- Haut-pH-Wert — beim Neugeborenen liegt er bei etwa 6,5–7,0 (beim Erwachsenen 4,5–5,5). Ein höherer pH-Wert bedeutet einen schwächeren Schutz vor Krankheitserregern und eine durchlässigere Barriere.
- Immunsystem — unreif, in der „Lernphase“. Eine frühe Exposition gegenüber Kontaktallergenen kann zu einer lebenslangen Sensibilisierung führen.
Eine in Pediatric Dermatology (Stamatas et al., 2010) veröffentlichte Studie bestätigte, dass die transepidermale Absorption bei Säuglingen deutlich höher ist als bei Erwachsenen — insbesondere im Windelbereich, wo die Okklusion (Windelverschluss) die Penetration zusätzlich erhöht.
Duftallergene aus Anhang III in Kinderprodukten
Die EU-Verordnung 1223/2009 verbietet die Verwendung von Duftstoffen in Kosmetika für Kinder unter 3 Jahren nicht — stellt jedoch zusätzliche Anforderungen. Artikel 19 Absatz 1 Buchstabe f) verlangt, dass für Kinder unter 3 Jahren bestimmte Produkte besondere Warnhinweise auf dem Etikett tragen.
In der Praxis bedeutet das, dass ein Hersteller einer Babycreme Parfum zusetzen darf, sofern er die Allergene aus Anhang III oberhalb der Schwellenwerte deklariert (0,001 % leave-on, 0,01 % rinse-off). Und viele Hersteller tun genau das.
Eine Analyse des französischen Magazins 60 Millions de Consommateurs (2020) ergab, dass von 52 untersuchten Babykosmetika auf dem französischen Markt:
- 67 % mindestens einen Duftstoff enthielten, der auf der INCI-Liste deklariert war.
- 42 % drei oder mehr Allergene aus Anhang III enthielten.
- Am häufigsten anzutreffen: Linalool (38 % der Produkte), Limonene (35 %), Citronellol (22 %), Benzyl Alcohol (18 %).
Die European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) empfiehlt in ihren Leitlinien von 2021 eindeutig, Duftprodukte bei Säuglingen und Kleinkindern zu vermeiden, und verweist auf die zunehmende Häufigkeit von Kontaktallergien in der pädiatrischen Gruppe.
„Fragrance-free“ vs. „unscented“ — der entscheidende Unterschied
Dies ist eine der häufigsten Etikettierungsfallen, in die Eltern tappen:
Fragrance-free (duftstofffrei / ohne Duftstoffe)
Bedeutet, dass das Produkt keine Substanzen enthält, die zur Beduftung zugesetzt wurden. Auf der INCI-Liste sollten weder „Parfum“ noch „Fragrance“ erscheinen. Das ist die sicherste Wahl für die Haut eines Kindes.
Hinweis: Ein „fragrance-free“-Produkt kann einen natürlichen Geruch haben, der von den Rohstoffen herrührt (z. B. riecht Sheabutter nussig, Kokosöl nach Kokos). Das ist kein absichtlich zugesetzter Duftstoff.
Unscented (unparfümiert)
Dies ist ein deutlich weniger strenger Begriff. „Unscented“ bedeutet lediglich, dass das Produkt keinen wahrnehmbaren Geruch hat — es kann jedoch Duftstoffe enthalten, die zur Überdeckung eines unangenehmen Rohstoffgeruchs verwendet werden (sogenannter Masking Fragrance). Auf der INCI-Liste kann weiterhin „Parfum“ stehen.
In der Praxis kann eine „unscented“-Babycreme dieselben Duftallergene enthalten wie eine parfümierte Creme — nur in geringerer Konzentration, unterhalb der Geruchswahrnehmungsschwelle. Für die Haut des Kindes ist das nach wie vor eine Exposition gegenüber potenziellen Allergenen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
| Auslobung | Enthält „Parfum“ im INCI? | Duftallergene? | Sicherheit |
|---|---|---|---|
| Fragrance-free | NEIN | NEIN (absichtlich zugesetzt) | Höchste |
| Unscented | KANN JA SEIN | MÖGLICH | Unsicher |
| Hypoallergenic | KANN JA SEIN | MÖGLICH | Rechtlich nicht definiert |
| Zarter Duft | JA | JA | Niedrig |
EU-Regelungen — was sagt das Gesetz?
Die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 legt in Artikel 19 die Anforderungen an die Kennzeichnung von Kosmetika fest, die für Kinder unter 3 Jahren bestimmt sind:
- Verpflichtende Warnhinweise — Produkte müssen besondere Informationen zu den Anwendungsbedingungen enthalten.
- Sicherheitsbewertung — der Sicherheitsbericht (CPSR) muss die Besonderheiten der Kinderhaut berücksichtigen.
- Allergendeklaration — dieselben Schwellenwerte wie für Erwachsene (0,001 % leave-on), was viele Experten für die pädiatrische Population als zu hoch ansehen.
Der SCCS (Scientific Committee on Consumer Safety) hat in einer Stellungnahme von 2023 vorgeschlagen, dass die Schwellenwerte für die Deklaration von Duftallergenen bei pädiatrischen Produkten niedriger sein sollten — der Vorschlag wurde jedoch noch nicht gesetzlich umgesetzt.
Praktische Tipps für Eltern
- Suchen Sie nach „fragrance-free“, nicht nach „unscented“ — prüfen Sie auf der INCI-Liste, ob wirklich kein „Parfum“ enthalten ist.
- Reduzieren Sie die Anzahl der Kosmetika — ein Säugling braucht nicht Lotion, Öl, Creme, Puder UND Shampoo. Je weniger Produkte, desto weniger Exposition.
- Vermeiden Sie „natürliche Düfte“ aus ätherischen Ölen — Lavendel, Kamille und Orange in einer Kindercreme sind nach wie vor Allergene (Linalool, Bisabolol, Limonene).
- Lesen Sie die vollständige INCI-Liste — nutzen Sie die PurScore-Suchmaschine, um das Sicherheitsprofil jedes einzelnen Inhaltsstoffs zu überprüfen.
- Prüfen Sie die Position von „Aqua“ und „Parfum“ — in einer guten Kinderkosmetik sollte „Parfum“ überhaupt nicht vorkommen.
Mehr über die Interpretation von INCI-Zusammensetzungen finden Sie in unserem Leitfaden zu Kosmetiketiketten.
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FAQ
Nicht immer. „Unscented“ bedeutet lediglich das Fehlen eines wahrnehmbaren Geruchs, das Produkt kann jedoch Duftstoffe enthalten, die einen unangenehmen Rohstoffgeruch überdecken. Achten Sie auf die Auslobung „fragrance-free“ und prüfen Sie, ob auf der INCI-Liste kein Eintrag „Parfum“ steht.
Lavendelöl enthält 25–38 % Linalool und 25–45 % Linalylacetat — beides Allergene aus der Liste der 26 in der EU deklarationspflichtigen Substanzen. Die Haut eines Säuglings ist 20–30 % dünner als die eines Erwachsenen und nimmt diese Substanzen leichter auf, was das Sensibilisierungsrisiko erhöht.
Dermatologen und die EADV empfehlen, Duftstoffe in Kinderkosmetik bis mindestens zum 3. Lebensjahr zu vermeiden — bis zur Reifung der Hautbarriere. Bei Kindern mit atopischer Dermatitis oder einer Allergieneigung wird sogar noch länger zur Vorsicht geraten.
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