Vernetzte vs. unvernetzte Hyaluronsäure — warum ein Kosmetikum kein Filler ist
Der Unterschied zwischen vernetzter HA (Dermalfiller, BDDE) und unvernetzter HA im Serum. Warum der „Filler-Effekt“ im Pflegeprodukt nur Marketing ist.
Hyaluronsäure (HA) ist derzeit der beliebteste Feuchtigkeitswirkstoff in Kosmetika. Gleichzeitig ist sie der zentrale Bestandteil von Dermalfillern, die in der ästhetischen Medizin eingesetzt werden. Das Problem: Es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Substanzen — und das Kosmetikmarketing verwischt diese Grenze gezielt, indem es einen „Filler-Effekt“ aus einem Serum für 12 Euro verspricht.
Was ist die Vernetzung von Hyaluronsäure?
Native Hyaluronsäure ist ein lineares Polysaccharid, das sich aus sich wiederholenden Einheiten von D-Glucuronsäure und N-Acetyl-D-Glucosamin zusammensetzt. Im Körper wird sie enzymatisch durch Hyaluronidasen abgebaut — ihre Halbwertszeit in der Haut beträgt lediglich 24–48 Stunden.
Die Vernetzung (Cross-Linking) ist ein chemischer Prozess, bei dem HA-Ketten über chemische Brücken zu einem dreidimensionalen Netzwerk verbunden werden. Der am häufigsten verwendete Vernetzer ist BDDE (1,4-Butandioldiglycidylether), der Etherbindungen zwischen den Hydroxylgruppen benachbarter HA-Ketten bildet.
Der Effekt der Vernetzung ist dramatisch: Vernetzte HA wird zu einem Gel mit viskoelastischen Eigenschaften, das gegen den enzymatischen Abbau widerstandsfähig ist. Ihre Verweildauer im Gewebe verlängert sich von Stunden auf 6–18 Monate.
Vernetzte HA = Medizinprodukt, KEIN Kosmetikum
Dermalfiller (Juvederm, Restylane, Teosyal) sind Präparate aus vernetzter HA und werden in der Europäischen Union als Medizinprodukte der Klasse III eingestuft. Sie unterliegen strengen regulatorischen Anforderungen, darunter:
- CE-Kennzeichnung, die für das Inverkehrbringen auf dem europäischen Markt erforderlich ist.
- Klinische Studien, die Sicherheit und Wirksamkeit belegen.
- Anwendung ausschließlich durch Ärzte — sie erfordern eine subkutane oder intradermale Injektion.
- Kontrolle des Rest-BDDE — die Konzentration des nicht umgesetzten BDDE muss aufgrund seines zytotoxischen Potenzials unter 2 ppm (Teile pro Million) liegen.
Vernetzte HA wirkt mechanisch: Sie füllt das Gewebe volumetrisch auf und hebt die Haut von innen an. Kein Kosmetikum, das auf die Hautoberfläche aufgetragen wird, kann diesen Mechanismus nachbilden — unabhängig davon, was die Werbung suggeriert.
Unvernetzte HA in Kosmetika
Hyaluronsäure in Seren und Cremes ist native, unvernetzte HA mit unterschiedlichem Molekulargewicht. Ihre Wirkung hängt von der Größe der Moleküle ab:
Molekulargewichtsfraktionen
- Hochmolekulare HA (>1000 kDa) — dringt nicht in die Hornschicht ein. Sie bildet auf der Hautoberfläche einen okklusiven Film, der den transepidermalen Wasserverlust (TEWL) hemmt. Der Feuchtigkeitseffekt ist sofort spürbar, aber oberflächlich und kurzlebig.
- Mittelmolekulare HA (100–1000 kDa) — dringt teilweise in die oberen Schichten des Stratum corneum ein. Sie spendet mehr Feuchtigkeit als die hochmolekulare Fraktion und wirkt zudem leicht glättend.
- Niedermolekulare HA (10–100 kDa) — dringt tiefer in die Oberhaut ein. Studien (Pavicic et al., 2011) zeigten, dass HA mit einer Masse von 50 kDa die Expression von Genen anregt, die mit der Produktion von Kollagen und Elastin in Zusammenhang stehen.
- Nano-HA (<10 kDa) — dringt am tiefsten ein, jedoch in sehr niedrigen Konzentrationen. Achtung: HA-Fragmente mit einer Masse von <20 kDa können entzündungsfördernd wirken (Stern et al., 2006) und die Rezeptoren TLR2 und TLR4 aktivieren.
Die beste Strategie ist die Verwendung einer Mischung aus Fraktionen (Multi-Weight-HA) — eine Kombination aus oberflächlicher Feuchtigkeitsversorgung und tiefer wirkender Pflege. Mehr über aktive Wirkstoffe erfährst du in unserem Ratgeber zu aktiven Inhaltsstoffen.
Irreführendes Marketing — der „Filler-Effekt“ in der Creme
Immer mehr Kosmetika verwenden Formulierungen wie „Filler Effect“, „botox-like“ oder „Auffüllen von Falten von innen“. Diese Versprechen sind aus folgenden Gründen grundlegend irreführend:
- Der Wirkmechanismus ist ein anderer — der Filler wirkt mechanisch (volumetrisch), das Serum wirkt auf der Ebene der Feuchtigkeitsversorgung der Oberhaut.
- Das Ausmaß des Effekts ist nicht vergleichbar — 1 ml Filler verändert die Geometrie des Gesichts, ein Serum kann feine Linien lediglich leicht glätten.
- Die Beständigkeit — ein Filler hält monatelang, der Effekt eines Serums verschwindet ohne erneutes Auftragen nach wenigen Stunden.
Die EU-Verordnung 1223/2009 über kosmetische Mittel verbietet es, Kosmetika die Eigenschaften von Medizinprodukten zuzuschreiben. Die Durchsetzung ist jedoch schwach, und die Hersteller bewegen sich an der Grenze des Erlaubten, indem sie suggestive, aber unpräzise Formulierungen verwenden.
Wie man das Etikett liest — HA in der INCI
In der Inhaltsstoffliste tritt Hyaluronsäure unter verschiedenen Namen auf, die unterschiedliche Fraktionen kennzeichnen:
- Sodium Hyaluronate — das Natriumsalz der HA, meist mittleres/hohes Molekulargewicht.
- Hydrolyzed Sodium Hyaluronate — hydrolysierte Form, niedriges Molekulargewicht.
- Sodium Hyaluronate Crosspolymer — leicht vernetzte kosmetische HA (nicht mit einem Filler zu verwechseln!). Sie bildet ein elastisches Netz auf der Haut.
- Sodium Acetylated Hyaluronate — acetylierte HA, die sich besser mit den Lipiden der Oberhaut verbindet.
Sieh dir die vollständige Analyse jedes dieser Inhaltsstoffe in unserer Datenbank kosmetischer Inhaltsstoffe an.
Fazit — realistische Erwartungen
Hyaluronsäure in Kosmetika ist ein hervorragender Feuchtigkeitswirkstoff — aber kein Ersatz für Eingriffe der ästhetischen Medizin. Unvernetzte HA versorgt die Oberhaut mit Feuchtigkeit, glättet feine Linien und verbessert die Hautbarriere. Vernetzte HA ist eine völlig andere Kategorien — ein Medizinprodukt, das von Ärzten injiziert wird. Jedes Kosmetikum, das einen „Filler-Effekt“ verspricht, sollte deine Aufmerksamkeit wecken.
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FAQ
Vernetzte HA ist ein chemisch vernetztes Gel (in der Regel mit dem Vernetzer BDDE), das 6–18 Monate im Gewebe verbleibt. Herkömmliche HA ist ein lineares Polymer, das innerhalb von 24–48 Stunden abgebaut wird und in Kosmetika oberflächlich angewendet wird.
Nein. Ein Serum versorgt die Oberhaut mit Feuchtigkeit und kann feine Linien leicht glätten, füllt das Gewebe aber nicht volumetrisch auf wie ein Filler. Wirkmechanismus und Ausmaß des Effekts sind nicht vergleichbar.
Die beste Strategie ist eine Mischung aus Fraktionen (Multi-Weight-HA): Die hochmolekulare Fraktion bildet einen Schutzfilm, die mittlere dringt in das Stratum corneum ein, und die niedermolekulare regt die Kollagensynthese in tieferen Schichten an.
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