Fermentation in der Kosmetikproduktion — von SK-II Pitera bis fermentiertem Reiswasser
Wie verändert die Fermentation mit Lactobacillus und Saccharomyces kosmetische Inhaltsstoffe? Mechanismus, Inositol im Reiswasser und das SK-II-Pitera-Phänomen.
Die Fermentation begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden — Bier, Joghurt, Kimchi. In der Kosmetologie erlebt die Fermentation eine Renaissance, angetrieben durch den Erfolg der Marke SK-II und die Explosion des koreanischen K-Beauty. Doch hinter dem Modewort verbirgt sich eine echte biochemische Technologie, die die Eigenschaften kosmetischer Inhaltsstoffe auf molekularer Ebene verändert.
Was ist Fermentation im Kontext von Kosmetik?
In der Kosmetikproduktion bezeichnet Fermentation die kontrollierte Biotransformation von Rohstoffen durch Mikroorganismen (Bakterien, Hefen, Pilze). Die Mikroorganismen sondern Enzyme ab (Proteasen, Lipasen, Amylasen), die komplexe Makromoleküle in kleinere, besser bioverfügbare Formen aufspalten.
Der zentrale Mechanismus: Große Moleküle, die normalerweise nicht in die Hornschicht der Haut eindringen, werden in Fragmente mit geringerer Molekülmasse zerlegt, die in die Haut eindringen oder besser mit ihrer Oberfläche interagieren können. Gleichzeitig produzieren die Mikroorganismen eigene Stoffwechselprodukte — organische Säuren, Vitamine, Peptide —, die das Endprodukt anreichern.
Wichtige Mikroorganismen in der Kosmetologie
Lactobacillus — Milchsäurebakterien
Bakterien der Gattung Lactobacillus werden am häufigsten in der kosmetischen Fermentation eingesetzt. Ihre Hauptwirkung ist die Produktion von Milchsäure, die den pH-Wert des fermentierten Mediums senkt und zugleich im Endprodukt die Funktion einer natürlichen AHA (Alpha-Hydroxysäure) übernimmt.
Auf der INCI-Liste erscheinen Lactobacillus-Fermente als:
- Lactobacillus Ferment — Fermentationsprodukt ohne Filtration.
- Lactobacillus Ferment Lysate — Lysat (aufgeschlossene Bakterienzellen), enthält intrazelluläre Bestandteile.
- Lactobacillus/Soybean Ferment Extract — Extrakt aus der Sojafermentation, reich an Isoflavonoiden mit geringerer Molekülmasse.
Eine im Journal of Microbiology and Biotechnology (2015) veröffentlichte Studie zeigte, dass die Milchsäurefermentation eines Sojaextrakts den Gehalt an freien Isoflavonoiden (Genistein, Daidzein) um 300–400 % im Vergleich zum unfermentierten Extrakt erhöhte. Freie Isoflavonoide haben eine höhere Bioverfügbarkeit und eine stärkere antioxidative Wirkung.
Saccharomyces — Hefen
Saccharomyces cerevisiae (Back- und Brauhefe) ist die zweite Säule der kosmetischen Fermentation. Hefen sind reich an B-Vitaminen, Aminosäuren, Mineralstoffen und β-Glucanen. Die Hefefermentation erzeugt außerdem Ethanol (das anschließend entfernt wird oder in Spuren verbleibt) sowie einzigartige Stoffwechselprodukte.
INCI: Saccharomyces Ferment Filtrate, Saccharomyces/Xylinum/Black Tea Ferment (Kombucha), Saccharomyces Lysate Extract.
Galactomyces Ferment Filtrate — das SK-II-Pitera-Phänomen
Das wohl bekannteste Beispiel für Fermentation in der Kosmetik ist die SK-II Facial Treatment Essence, deren Hauptbestandteil (über 90 % der Rezeptur) Galactomyces Ferment Filtrate ist, bekannt als Pitera™.
Galactomyces ist eine Pilzgattung aus der Ordnung der Saccharomycetales. Die Entdeckung von Pitera beruht auf der Beobachtung, dass Mitarbeiter japanischer Sake-Brauereien trotz fortgeschrittenen Alters eine junge, glatte Haut an den Händen hatten. Wissenschaftler von P&G isolierten einen Galactomyces-Stamm und entwickelten ein kontrolliertes Fermentationsverfahren.
Die Zusammensetzung von Galactomyces Ferment Filtrate umfasst:
- Vitamine — Niacinamid (B3), Pantothensäure (B5), Folsäure.
- Aminosäuren — Serin, Glycin, Alanin, Prolin.
- Organische Säuren — Milchsäure, Zitronensäure, Brenztraubensäure.
- Mineralstoffe — Zink, Magnesium, Mangan.
Eine klinische Studie von Hakozaki et al. (2005, British Journal of Dermatology) zeigte, dass Galactomyces Ferment Filtrate bei täglicher Anwendung über 12 Wochen die Sichtbarkeit von Pigmentflecken um 40 % verringerte und die Hauttextur verbesserte. Der Effekt wurde hauptsächlich der Synergie von Niacinamid mit anderen Fermentationsmetaboliten zugeschrieben.
Fermentiertes Reiswasser und Inositol
Die traditionelle Verwendung von Reiswasser in der Haut- und Haarpflege reicht bis ins alte Japan (Heian-Zeit) und China zurück. Die moderne Wissenschaft erklärt, warum es wirkt: Die Fermentation von Reiswasser durch natürliche Mikroorganismen erzeugt Inositol (Myo-Inositol) — einen zyklischen Zuckeralkohol, der eine wichtige Rolle in der Zellsignalisierung spielt.
Inositol im Kontext der Haut:
- Stärkt die Hautbarriere — unterstützt die Synthese von Ceramiden, den wichtigsten interzellulären Lipiden.
- Reguliert die Differenzierung von Keratinozyten — als Vorläufer von Phosphatidylinositolen, die an der PKC-Signalkaskade beteiligt sind.
- Antioxidative Wirkung — chelatiert Eisenionen und reduziert so oxidativen Stress.
Die Fermentation von Reis erhöht die Inositol-Konzentration um das 3- bis 5-Fache im Vergleich zum einfachen Einweichen von Reis in Wasser (Lee et al., 2018). Daher ist korrekt fermentiertes Reiswasser deutlich wirksamer als gewöhnliches Wasser nach dem Abspülen von Reis.
Der Einfluss von K-Beauty auf die kosmetische Fermentation
Die koreanische Kosmetikindustrie (K-Beauty) hat eine Schlüsselrolle bei der Popularisierung von Fermenten gespielt. Marken wie COSRX, Missha, Benton und Innisfree haben eine breite Palette an Produkten mit fermentierten Inhaltsstoffen eingeführt, die auf mehreren Säulen beruhen:
- Tradition — die koreanische Küche (Kimchi, Gochujang, Makgeolli) basiert auf Fermentation, was die Akzeptanz bei Verbrauchern erleichtert.
- Innovation — koreanische Unternehmen investieren in Fermentations-Biotechnologie und patentieren spezifische Stämme und Verfahren.
- Narratives Marketing — die Entdeckungsgeschichte von SK-II (Mitarbeiter von Sake-Brauereien) wurde zum Archetyp der Erzählung „natürliche Weisheit, wissenschaftlich bestätigt“.
Es lohnt sich jedoch, gut untersuchte Fermente (Galactomyces, fermentierte Sojaextrakte) von Inhaltsstoffen zu unterscheiden, bei denen die Fermentation hauptsächlich ein Marketing-Trick ist. „Fermentierter Lavendelextrakt“ oder „fermentierte Sheabutter“ haben ebenfalls keine soliden wissenschaftlichen Belege für einen Vorteil gegenüber den unfermentierten Formen. Eine detaillierte Analyse der Inhaltsstoffe findest du in der PurScore-Datenbank.
Worauf sollte man bei der Auswahl achten?
Wenn du ein Kosmetikprodukt mit fermentierten Inhaltsstoffen kaufst, prüfe:
- Die Position auf der INCI-Liste — steht das Ferment am Ende der Liste, ist seine Konzentration nur minimal.
- Den Typ des Ferments — Ferment Filtrate (gefilterte Flüssigkeit, ohne Zellen) vs. Ferment Lysate (Zelllysat, enthält intrazelluläre Bestandteile) vs. Ferment Extract (Extrakt aus der Fermentation).
- Den Mikroorganismen-Stamm — Galactomyces und Saccharomyces sind wissenschaftlich am besten dokumentiert.
- Den fermentierten Rohstoff — Reis, Soja und schwarzer Tee haben nachgewiesene Vorteile durch die Fermentation. Exotische Rohstoffe — nicht unbedingt.
Prüfe, ob dein Lieblingsprodukt mit fermentierten Inhaltsstoffen diese wirklich in wirksamer Konzentration enthält — gib den Namen in die PurScore-Suche ein und entdecke die detaillierte Analyse der Zusammensetzung.
FAQ
Die Fermentation spaltet große Moleküle in kleinere, besser bioverfügbare Formen auf. Zum Beispiel erhöht die Fermentation von Soja den Gehalt an freien Isoflavonoiden um 300–400 %. Zusätzlich produzieren die Mikroorganismen eigene Stoffwechselprodukte (Vitamine, Aminosäuren, organische Säuren).
Pitera ist Galactomyces Ferment Filtrate — das gefilterte Fermentationsprodukt des Pilzes Galactomyces. Es macht über 90 % der Zusammensetzung der SK-II Facial Treatment Essence aus und enthält eine Mischung aus Vitaminen, Aminosäuren, organischen Säuren und Mineralstoffen.
Nein. Die Wirksamkeit hängt vom Mikroorganismen-Stamm, dem fermentierten Rohstoff und der Konzentration im Produkt ab. Galactomyces und Saccharomyces mit fermentiertem Reis oder Soja haben die beste wissenschaftliche Dokumentation. Exotische Fermente haben oft keine Belege für einen Vorteil gegenüber den unfermentierten Formen.
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