Mineralöl vs. Pflanzenöl in Kosmetik — Sicherheit, Wirkung und der Mythos der Komedogenität
Mineralöl oder Pflanzenöl in Kosmetik — was ist sicherer? Wir räumen mit Komedogenität-Mythen auf und analysieren INCI-Inhaltsstoffe und SCCS-Bewertungen.
Geben Sie "Mineralöl" in eine beliebige Kosmetikgruppe ein, und Sie lösen eine hitzige Diskussion aus. Die einen behaupten, es sei krebserregend und verstopfe die Poren, die anderen entgegnen, es sei einer der sichersten und am besten untersuchten kosmetischen Inhaltsstoffe. Wer hat recht? Wie so oft liegt die Wahrheit in den Nuancen und nicht in den Schlagworten.
Was ist Mineralöl in der Kosmetik?
Mineralöl (Mineral Oil, INCI: Paraffinum Liquidum) ist ein raffiniertes petrochemisches Produkt — eine Mischung aus aliphatischen und naphthenischen Kohlenwasserstoffen. Entscheidend ist das Wort raffiniert: Der Rohstoff ist nach der raffinerietechnischen Reinigung (Hydroraffination) frei von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK/PAH), die tatsächlich mutagen und kanzerogen sind.
Die Unterscheidung ist grundlegend und gesetzlich geregelt:
- MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) — gesättigte, raffinierte Kohlenwasserstoffe, in Kosmetik zugelassen;
- MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) — aromatische, potenziell genotoxische Kohlenwasserstoffe, durch die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 und SCCS-Bewertungen in Kosmetikprodukten eingeschränkt oder verboten.
Das SCCS (Scientific Committee on Consumer Safety) bestätigte in seiner Stellungnahme aus dem Jahr 2012 (SCCS/1548/12) sowie in den Aktualisierungen von 2018 die Sicherheit von raffiniertem Mineralöl in kosmetischen Anwendungen, sofern eine entsprechende Reinheit mit einem MOAH-Gehalt unterhalb der Nachweisgrenze gewährleistet ist.
Der Mythos der Komedogenität von Mineralöl
Die Überzeugung, dass Mineralöl die Poren verstopft, stammt aus Studien der 1970er Jahre, die an der Haut von Kaninchenohren durchgeführt wurden (Kligman-Modell). Dieses Modell gilt heute als ungeeignet, um Reaktionen der menschlichen Haut vorherzusagen — die Ohrmuschel des Kaninchens ist außergewöhnlich empfindlich gegenüber Okklusion.
Neuere Studien am Menschen zeigen, dass kosmetisches raffiniertes Mineralöl keine klinisch relevante Komedogenität aufweist. Produkte wie Vaseline (Petrolatum) oder CeraVe Healing Ointment enthalten Paraffin und Vaseline als Hauptbestandteile und werden von Dermatologen routinemäßig zur Behandlung von Neurodermitis und Wunden empfohlen.
Pflanzenöle — reiche Chemie, komplexe Wirkung
Pflanzenöle sind Mischungen aus Triglyceriden von Fettsäuren, Phospholipiden, Pflanzensterolen, Tocopherolen und Polyphenolen. Ihr Wirkprofil ist biologisch deutlich reicher als das von Mineralöl:
- Linolsäure (Omega-6) — in Himbeerkernöl, Sonnenblumenöl, Hanföl; ergänzt die hauteigenen Ceramide und wirkt entzündungshemmend;
- Ölsäure (Omega-9) — in Olivenöl, Arganöl; intensiv feuchtigkeitsspendend, kann jedoch bei fettiger Haut die Komedogenität erhöhen;
- Linolensäure (Omega-3) — in Leinöl, Chiaöl; starke entzündungshemmende Eigenschaften;
- Phytosterole und Tocopherole — Antioxidantien, die die Hautlipide vor Peroxidation schützen.
Mehr Informationen zu konkreten Ölen finden Sie in unserer INCI-Inhaltsstoff-Enzyklopädie.
Sicherheit: ein Vergleich der Risiken
Paradoxerweise bergen Pflanzenöle gewisse Risiken, über die selten gesprochen wird:
- Oxidation und Ranzigwerden — Öle mit hohem Gehalt an essenziellen Fettsäuren (insbesondere Leinöl, Traubenkernöl) sind oxidativ instabil. Oxidierte Öle enthalten Aldehyde und Lipidperoxide, die Entzündungsprozesse verstärken können;
- Allergisierung — Nussöle (Mandelöl, Macadamianussöl) können bei einer Nussallergie IgE-vermittelte allergische Reaktionen auslösen;
- Komedogenität der Ölsäure — in Studien an der HaCaT-Zelllinie störte Ölsäure in hohen Konzentrationen die Funktion der Hautbarriere.
Mineralöl hingegen ist chemisch stabil, oxidiert nicht und enthält keine potenziellen Allergene. Das macht es zu einer sicheren okklusiven Basis, besonders in Produkten für Säuglinge und Menschen mit Neurodermitis.
Wann Mineralöl, wann Pflanzenöl?
- Mineralöl (Paraffinum Liquidum): empfohlen in Pflegeprodukten für Säuglinge, bei stark geschädigter Haut (Barriere), in After-Shave-Balsamen für empfindliche Haut, in Handcremes mit stark okklusiver Wirkung;
- Pflanzenöle: empfohlen in aktiven Seren, Körper- und Gesichtsölen, Anti-Aging-Produkten (aufgrund der phytoaktiven Inhaltsstoffe). Entdecken Sie sie in der Kategorien Körperöle;
- Kombination beider: Viele gute Cremes verbinden Mineralöl als okklusive Basis mit Pflanzenölen als Träger für Wirkstoffe — ein Ansatz, der in der Pharmazie als Emolliens-Basis bekannt ist.
Wie prüft man die Qualität von Mineralöl in einem Kosmetikprodukt?
Die eigenständige Überprüfung der MOSH/MOAH-Qualität im Endprodukt erfordert eine spezielle GC-MS-Analyse, die ein Verbraucher zu Hause nicht durchführen kann. Daher ist die Überprüfung des Herstellers und der Zertifikate wichtig.
In der EU sind Hersteller gemäß Art. 10 der Verordnung 1223/2009 verpflichtet, die Sicherheit des Produkts zu gewährleisten — der Sicherheitsbericht (CPSR) muss eine Bewertung der MOAH-Verunreinigungen enthalten. Beim Kauf von Marken aus der EU/USA ist das Risiko minimiert.
Prüfen Sie das Vorkommen und die Bewertung konkreter Öle in unserer Inhaltsstoff-Datenbank und vergleichen Sie Produkte in der Kategorien Körperöle.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken. Bei Verdacht auf eine allergische Reaktion auf einen kosmetischen Inhaltsstoff konsultieren Sie einen Dermatologen oder Allergologen.
FAQ
Nein — vorausgesetzt, es handelt sich um kosmetisches (raffiniertes) Mineralöl, das frei von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (MOAH) ist. Das SCCS hat die Sicherheit eines solchen Öls in Kosmetik bestätigt. Nicht raffinierter (technischer) Rohstoff ist für Kosmetik nicht geeignet.
Nach aktuellen klinischen Studien am Menschen nicht in klinisch relevantem Ausmaß. Komedogenitätsstudien an der Kaninchenhaut (Modell aus den 1970er Jahren) gelten als ungeeignet, um Reaktionen der menschlichen Haut vorherzusagen.
Für zu Akne neigende Haut werden Öle mit niedrigem Komedogenitätsindex und hohem Linolsäuregehalt bevorzugt: Himbeerkernöl, Hagebuttenöl, Hanföl. Vermeiden Sie bei fettiger Haut Kokosöl und Olivenöl.
Prüfen Sie die Position des Öls in der INCI-Liste (je weiter oben, desto höher die Konzentration), das Haltbarkeitsdatum des Produkts (Öle mit essenziellen Fettsäuren werden ranzig) sowie, ob das Produkt Tocopherol (Vitamin E) als Antioxidans enthält — ein Zeichen dafür, dass der Hersteller auf die Stabilität der Formulierung geachtet hat.
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