Premium
Düfte und Parfüms • 8 min Min. Lesezeit

Ätherische Öle vs. synthetische Duftstoffe — welche Variante ist sicherer für die Haut?

Natürliche ätherische Öle sind nicht automatisch sicherer als synthetische Düfte. Linalool, Limonene und ihre Oxidation — Fakten statt Mythen.

Veröffentlicht: 2025-04-24 • Aktualisierung: 2025-08-10

„Ich wähle Kosmetik mit ätherischen Ölen, weil ich natürliche Inhaltsstoffe bevorzuge“ — diesen Satz wiederholen viele bewusste Verbraucher. Die Intuition legt nahe, dass etwas Natürliches milder und sicherer sein muss als „Chemie“. Dermatologie und Toxikologie sagen jedoch etwas ganz anderes: Ätherische Öle gehören zu den häufigsten Ursachen für allergische Kontaktdermatitis (ACD), die durch Kosmetika ausgelöst wird.

Was sind ätherische Öle eigentlich?

Ätherische Öle sind flüchtige, komplexe Gemische chemischer Verbindungen, die mittels Wasserdampfdestillation, Kaltpressung (Zitrusfrüchte) oder Lösungsmittelextraktion aus Pflanzen gewonnen werden. Ein einzelnes ätherisches Öl kann zwischen 100 und über 400 verschiedene chemische Verbindungen enthalten — Terpene, Terpenalkohole, Aldehyde, Ester, Phenole und Ketone.

Beispielsweise enthält Lavendelöl (Lavandula angustifolia) gemäß der Norm ISO 3515:

  • Linalool — 25–38 % (Terpenalkohol, Allergen aus Anhang III der EU).
  • Linalyl Acetate (Linalylacetat) — 25–45 % (Ester, kann zu Linalool hydrolysieren).
  • Lavandulol — 0,3–1,5 %.
  • Terpinen-4-ol — 0,5–8 %.
  • 1,8-Cineole (Eukalyptol) — bis zu 2,5 %.
  • Plus Dutzende weiterer Verbindungen in Spurenmengen.

Das bedeutet, dass über 50 % der Zusammensetzung von Lavendelöl aus Substanzen der Liste der 26 EU-Allergene bestehen. Das ist keine Ausnahme — es ist die Regel für die meisten ätherischen Öle.

Oxidation — wenn ein sicherer Inhaltsstoff zum Allergen wird

Eine der wichtigsten Entdeckungen im Bereich der Kontaktallergie der letzten Jahrzehnte ist der Mechanismus der Autoxidation von Terpenen. Linalool und Limonene haben in reiner, frischer Form ein relativ geringes Allergiepotenzial. Das Problem beginnt, wenn sie mit Luftsauerstoff in Kontakt kommen.

Studien der Arbeitsgruppe von Professorin Ann-Therese Karlberg von der Universität Göteborg (veröffentlicht u. a. in Contact Dermatitis, 2008–2016) haben gezeigt, dass:

  • Linalool zu Linalool-Hydroperoxiden (linalool hydroperoxides) oxidiert — starken Kontaktallergenen. Nach 10 Wochen Luftexposition steigt die Konzentration der Hydroperoxide von 0 % auf über 20 % des Probengehalts.
  • Limonene (d-Limonen) oxidiert zu Limonene Hydroperoxide und Carvon — beide mit deutlich höherem Allergiepotenzial als reines Limonen. Patch-Test-Studien haben gezeigt, dass bis zu 3,5 % der Patienten mit ACD-Verdacht positiv auf oxidiertes Limonen reagieren.

Praktische Schlussfolgerung: Ein altes ätherisches Öl wirkt allergener als ein frisches. Eine Ölflasche, die ein Jahr lang im Regal steht — mehrfach geöffnet, Licht und Luft ausgesetzt — enthält deutlich mehr Oxidationsprodukte als ein frisch geöffnetes Produkt.

26 EU-Allergene — natürlich und synthetisch gleich behandelt

Die Liste der 26 deklarationspflichtigen Duftstoffallergene in Anhang III der EU-Verordnung 1223/2009 unterscheidet nicht nach der Herkunft des Inhaltsstoffs. Linalool aus Lavendelöl und im Labor synthetisiertes Linalool sind dasselbe chemische Molekül — und unterliegen denselben Vorschriften.

Der Unterschied besteht darin, dass synthetisches Linalool eine einzelne, reine Substanz ist, während Linalool aus einem ätherischen Öl von hundert weiteren Verbindungen begleitet wird, von denen viele toxikologisch nicht vollständig untersucht sind.

Von den 26 EU-Allergenen kommen die folgenden häufig in ätherischen Ölen vor:

AllergenTypische natürliche QuelleKonzentration im Öl
LinaloolLavendel, Basilikum, Koriander25–70 %
LimoneneZitrusfrüchte (Orange, Zitrone)68–98 %
CitronellolRose, Geranie20–35 %
GeraniolPalmarosa, Geranie15–85 %
CitralZitronengras, Eisenkraut65–85 %
EugenolNelke, Zimtblatt75–90 %
CoumarinTonka, Lavendel (in Spuren)0,1–2 %

Synthetische Düfte — kontrollierte Reinheit

Der Vorteil synthetischer Duftstoffe ist ihre Reproduzierbarkeit und Reinheit. Synthetisches Linalool ist Linalool und nichts weiter — ohne Hunderte „begleitender“ Verbindungen mit unbekanntem Sicherheitsprofil. Der Hersteller kennt Konzentration, Reinheitsgrad und potenziellen Verunreinigungsgehalt genau.

Das bedeutet nicht, dass Synthetika frei von Risiken sind. Einige synthetische Duftstoffe geben Anlass zur Sorge:

  • Lilial (Butylphenyl Methylpropional) — in der EU seit März 2022 verboten, da reproduktionstoxisch (schädlich für die Fruchtbarkeit).
  • HICC (Hydroxyisohexyl 3-Cyclohexene Carboxaldehyde / Lyral) — seit 2021 als starkes Kontaktallergen verboten.
  • Polyzyklische Moschusverbindungen (HHCB, AHTN) — Bedenken hinsichtlich Bioakkumulation und endokriner Aktivität.

Natürlich ≠ sicherer — was sagt die Wissenschaft?

Eine in Contact Dermatitis veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit (de Groot und Schmidt, 2016) umfasste über 75 Studien und zeigte eindeutig, dass ätherische Öle zu den häufigsten Ursachen der Kontaktallergie unter den kosmetischen Inhaltsstoffen gehören. Teebaumöl (tea tree oil), Lavendelöl und Ylang-Ylang-Öl standen dabei an der Spitze.

Die European Society of Contact Dermatitis (ESCD) empfiehlt in ihren Leitlinien von 2019 Vorsicht bei der Anwendung unverdünnter ätherischer Öle auf der Haut und betont, dass „die natürliche Herkunft eines Inhaltsstoffs keine Garantie für dermatologische Sicherheit ist“.

Praktische Tipps — wie lässt sich das Risiko minimieren?

  1. Bewahre Öle in dunklem Glas, dicht verschlossen auf — so minimierst du die Oxidation.
  2. Verwende keine Öle, die älter als 1–2 Jahre sind — Oxidationsprodukte reichern sich mit der Zeit an.
  3. Trage keine unverdünnten Öle auf die Haut auf — IFRA und Dermatologen empfehlen eine Verdünnung auf max. 1–5 % in einem Trägeröl.
  4. Prüfe die INCI-Zusammensetzung — nutze unsere Inhaltsstoff-Suche, um das Allergenprofil eines Produkts zu bewerten.
  5. Bei Allergieneigung — erwäge Produkte mit synthetischen Düften und bekanntem Sicherheitsprofil anstelle komplexer ätherischer Öle.

Mehr über das Lesen von Kosmetiketiketten findest du in unserem Leitfaden zur INCI-Liste.

Möchtest du wissen, wie viele Duftstoffallergene dein Kosmetikprodukt enthält? Gib den Produktnamen in die PurScore-Suche ein — wir analysieren die Zusammensetzung und zeigen dir potenzielle Allergene aus der EU-Liste.

FAQ

Nein — wissenschaftliche Studien bestätigen keine höhere Sicherheit ätherischer Öle. Sie sind komplexe Gemische aus Hunderten chemischer Verbindungen, von denen viele bestätigte Kontaktallergene sind. Synthetische Düfte bieten kontrollierte Reinheit und Reproduzierbarkeit.

Die in Ölen enthaltenen Terpene (Linalool, Limonene) unterliegen bei Kontakt mit Luft einer Autoxidation und bilden Hydroperoxide — starke Kontaktallergene. Je länger ein Öl gelagert und je häufiger es geöffnet wird, desto mehr Oxidationsprodukte enthält es.

Lavendelöl (Lavandula angustifolia) enthält 25–38 % Linalool und 25–45 % Linalylacetat (das zu Linalool hydrolysieren kann). Insgesamt sind über 50 % der Zusammensetzung Substanzen aus der Liste der 26 EU-Allergene.

Mehr solche Artikel?

Trage dich in unseren Newsletter ein — kostenlose Tipps zu Kosmetikinhaltsstoffen, wöchentlich.

Daten geschützt gemäß Datenschutzrichtlinie.

Produkte prüfen

Suchst du Kosmetik zu diesem Thema? Vergleiche Inhaltsstoffe und Preise auf PurScore.

0 Produkte