Mineralöl in Kosmetik — ist Paraffinum Liquidum sicher?
Ist Mineralöl in Kosmetik schädlich? Fakten zu Paraffinum Liquidum: EU-Reinheitsanforderungen, okklusive Wirkung und der Mythos der Komedogenität.
Was ist Mineralöl in Kosmetik?
Mineralöl, in der INCI-Liste als Paraffinum Liquidum bekannt, gehört zu den am meisten diskutierten Kosmetik-Inhaltsstoffen. Es stammt aus der Raffination von Erdöl und wird seit über 100 Jahren in der Kosmetik eingesetzt. Trotz dieser langen Verwendungsgeschichte ranken sich viele Mythen um diesen Inhaltsstoff — sowohl übertrieben negative als auch unkritisch positive.
In der Praxis durchläuft das in Kosmetik verwendete Mineralöl einen mehrstufigen Reinigungsprozess, durch den sich das Endprodukt deutlich vom rohen Erdöl unterscheidet. Es lohnt sich, diesen Unterschied zu verstehen, bevor wir Schlüsse über seine Sicherheit ziehen.
Reinheitsanforderungen in der Europäischen Union
Einer der zentralen Sicherheitsaspekte von Mineralöl ist seine Reinheit. Die Europäische Union legt strenge Normen für die Raffination von Mineralölen fest, die in Kosmetik eingesetzt werden. Gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel müssen Mineralöle bestimmte Reinheitsstandards erfüllen.
Mineralöl in Kosmetik- und Pharmaqualität (USP/Ph.Eur.) durchläuft einen Raffinationsprozess, der potenziell schädliche polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (MOAH) entfernt. Es waren gerade die nicht oder nur unzureichend raffinierten Mineralöle, die von der IARC als potenziell krebserregend eingestuft wurden — nicht die in Kosmetik verwendeten.
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Der Mythos der Komedogenität von Mineralöl
Einer der häufigsten Vorwürfe gegenüber Mineralöl ist die Überzeugung, dass es die Poren verstopft und Akne verursacht. Woher stammt dieser Mythos?
Untersuchungen zur Komedogenität von Mineralöl liefern uneinheitliche Ergebnisse. Frühe Tests an Kaninchenohren (die Mills-Methode aus den 1970er-Jahren) deuteten auf eine hohe Komedogenität hin, spätere Studien an menschlicher Haut bestätigten diese Ergebnisse jedoch nicht im gleichen Ausmaß.
Raffiniertes kosmetisches Mineralöl hat zu große Moleküle, um in die Poren einzudringen. Auf der Komedogenitäts-Skala (0–5) wird reines Paraffinum Liquidum üblicherweise mit 0–1 bewertet, was ein sehr geringes Risiko bedeutet. Zum Vergleich: Kokosöl, das als „natürlich“ gilt, hat den Wert 4.
Natürlich können individuelle Hautreaktionen variieren. Menschen mit Neigung zu Akne sollten ihre Haut nach der Anwendung jedes neuen Produkts beobachten — unabhängig davon, ob es natürliche oder synthetische Inhaltsstoffe enthält.
Okklusive Eigenschaften — Vorteil oder Nachteil?
Mineralöl ist einer der wirksamsten okklusiven Inhaltsstoffe — es bildet auf der Haut eine Barriere, die den transepidermalen Wasserverlust (TEWL) um bis zu 98 % reduziert. Zum Vergleich: Andere gängige okklusive Inhaltsstoffe senken den TEWL um 20–30 %.
Diese Eigenschaft ist zugleich der größte Vorteil und die Quelle der Kontroverse:
- Vorteile: hervorragender Schutz für trockene, geschädigte und gereizte Haut; Unterstützung beim Wiederaufbau der Hydrolipidbarriere; Schutz vor äußeren Einflüssen
- Mögliche Nachteile: schweres Gefühl auf der Haut; für fettige und Mischhaut womöglich nicht geeignet; liefert der Haut keine aktiven Pflegestoffe
Wichtig zu wissen: Okklusion ist an sich nichts Schlechtes — sie ist eine natürliche Funktion einer gesunden Hautbarriere. Zum Problem wird sie erst, wenn Okklusion die einzige Wirkung des Produkts ist, die Haut aber auch Feuchtigkeit und aktive Inhaltsstoffe braucht.
Mineralöl im Vergleich zu natürlichen Inhaltsstoffen
In der Debatte „natürlich vs. synthetisch“ zieht Mineralöl in den Augen der Verbraucher oft den Kürzeren gegenüber Pflanzenölen. Es lohnt sich jedoch, die Sache sachlich zu betrachten:
- Stabilität: Mineralöl wird nicht ranzig und oxidiert nicht, im Gegensatz zu vielen Pflanzenölen
- Allergenität: Mineralöl löst selten allergische Reaktionen aus, da es keine pflanzlichen Proteine enthält
- Aktive Wirkung: Pflanzenöle liefern Vitamine, Antioxidantien und Fettsäuren, die Mineralöl nicht besitzt
- Ökologie: Die Herstellung von Mineralöl ist mit der petrochemischen Industrie verbunden, was berechtigte ökologische Bedenken weckt
Mehr darüber, wie man umstrittene Inhaltsstoffe bewertet, liest du in unserem Ratgeber zu Parabenen — einem weiteren Inhaltsstoff, der ähnliche Emotionen weckt.
Für wen kann Mineralöl gut sein?
Mineralöl bewährt sich besonders bei Menschen mit:
- sehr trockener, schuppiger Haut
- atopischer Dermatitis (Neurodermitis) — es ist eines der von Dermatologen am häufigsten empfohlenen Emollientien
- geschädigter Hautbarriere nach Behandlungen
- empfindlicher Haut mit Neigung zu Allergien gegen pflanzliche Inhaltsstoffe
Wann sollte man Mineralöl meiden?
Mineralöl ist möglicherweise nicht die beste Wahl, wenn:
- du fettige oder zu Akne neigende Haut hast und eine leichte Formel suchst
- du Kosmetik mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck bevorzugst
- deine Haut aktive Feuchtigkeitspflege braucht und nicht nur Okklusion
- du zusätzliche Vorteile erwartest, etwa eine antioxidative Wirkung
Fazit
Mineralöl in Kosmetikqualität ist ein sicherer und gut erforschter Inhaltsstoff, wenn auch nicht zwangsläufig die beste Wahl für jeden Hauttyp. Die Bedenken hinsichtlich der Krebserregung beziehen sich auf nicht raffinierte industrielle Formen und nicht auf das in Kosmetik verwendete Paraffinum Liquidum. Der Mythos der Komedogenität findet in Studien an menschlicher Haut keine Bestätigung.
Wie immer gilt: Am wichtigsten ist ein bewusster Umgang. Prüfe die vollständige Inhaltsstoff-Datenbank und wähle Produkte, die zu den Bedürfnissen deiner Haut passen, statt dich allein vom Marketing leiten zu lassen — ob „natürlich“ oder „wissenschaftlich“.
FAQ
Nein — Mineralöl in Kosmetikqualität (Paraffinum Liquidum) durchläuft einen strengen Raffinationsprozess gemäß den EU-Normen. Die Einstufung der IARC als potenziell krebserregend betrifft nicht raffinierte Mineralöle, die in der Industrie verwendet werden, nicht in Kosmetik.
Raffiniertes Mineralöl hat einen Komedogenitätswert von 0–1 (auf der Skala 0–5), was ein sehr geringes Risiko für verstopfte Poren bedeutet. Studien an menschlicher Haut bestätigen den verbreiteten Mythos seiner Komedogenität nicht.
Mineralöl spendet der Haut nicht direkt Feuchtigkeit — es wirkt okklusiv, indem es eine Barriere bildet, die den Wasserverlust verhindert. Für vollständige Feuchtigkeitspflege sollte man es mit Humektantien wie Glycerin oder Hyaluronsäure kombinieren.
Alternativen mit ähnlichen okklusiven Eigenschaften sind Squalan, Sheabutter, Jojobaöl oder Vaseline. Jeder dieser Inhaltsstoffe hat seine Vor- und Nachteile, daher hängt die Wahl von den individuellen Bedürfnissen der Haut ab.
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